Themenkorridor 1

Konfliktgovernance in der Wissenschaft

Die Wissenschaft, so lautet eine verbreitete Klage, unterliege einem immer schärferen Wettbewerb darunter vor allem einem solchen, der nicht innerwissenschaftliche Konkurrenzanreize (wie etwa Reputationsmaxi­mierung, Durchsetzung von Geltungsansprüchen für Deutungen usw.) mobilisiere, sondern wissenschafts­externe wie Projektmittelwettbewerb, Effektivität und Produktivität als Rationa­litätskalküle, die mit Wissenserzeugung wenig zu tun hätten (z.B. Münch 2012). Entsprechende politische Interventionen changierten zwischen einem traditionellen Steuerungs- und einem neueren Governance-Verständnis. Tat­sächlich geht es aber immer stärker um Koordinationsstrukturen, d.h. „das Zusammenspiel von Handeln, Interaktion und institutionellen Rahmenbedingungen“ (Benz et al. 2007). Diesbezügliche Analysen werden die Frage in den Mit­telpunkt zu rücken haben, inwieweit die eingesetzten Instrumentarien hinsichtlich der wissenschaftlichen Leistungs- und Qualitätsentwicklung förderliche, wirkungsneutrale oder kontraintentionale Effekte zeitigen.

Die analytische Governance-Perspektive rückt (a) die formalen und informellen Regelungsstrukturen, deren Zustandekommen, Wirk­samwerden und Wirkungen, (b) die Heterogenität der beteiligten Akteure und (c) die Mehr-Ebenen-Be­trachtung in den Mittelpunkt. Das Augenmerk sollte nicht auf der allgemeinen Performance von wissenschaftlichen Einrichtungen in ei­nem bestimmten Steuerungssystem, d.h. der methodisch schwierig erfassbaren Verbindungen von Steuerung und Ergebnis liegen, sondern auf den Potenzialen bestimmter Instrumente zur Lösung anstehender Konflikte. Denn wissenschaftsbezogene Governance findet zunehmend unter dominierenden Bedingungen der Konflikthaftigkeit statt, induziert wesentlich durch externe Wandlungsanforderungen. In Situationen gesteigerter Konfliktaffinität ist es zum Verständnis gegenseitiger Beeinflussungs­prozesse in Koordinationsstrukturen nötig, den verbreiteten Steuerungsfiktionen im Verhältnis von Staat und Wissenschaft sachangemessenere Konzeptualisierungen entgegenzusetzen. Hier bietet sich das Governancekonzept an. Die Governan­ce­instrumentarien sind hier auf ihre Grenzen und Potenziale hin zu untersuchen; Alternativen zu entwickeln erscheint im Rahmen einer Promotion gleichfalls denkbar. Dabei kann einerseits auf den gut untersuchten Steuerungserfahrungen aufgebaut und diese andererseits mit Untersuchungen zur politischen Konfliktbearbeitung verknüpft werden.

Auf der Mesoebene erscheint z.B. das Thema „Wirkungen der Deregulierung und Entbürokratisierung“ un­­­­­tersuchungsbedürftig und im Rahmen einer Dissertation untersuchungsfähig. Das Modell der Neuen Steu­erung wartete mit dem Versprechen der Entbürokratisierung auf. Gleichzeitig ist die Neue Steuerung auch mit neuen Verfahrens- und insbesondere Dokumentationsanforderungen verbunden. Diese werden häufig als neue Bürokratisierung wahr­genommen, etwa wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Intranet regelmäßig aufwendige Fragebögen mit Daten zu speisen haben, weil dies das hochschulinterne Controlling benötige.

Letzte Änderung: 08.07.2019 - Ansprechpartner: fokuslehre@ovgu.de