Themenkorridor 3

Die Organisation akademischer Lehre als Kommunikation über Wissenschaft

Das Verständnis akademischer Lehre als Kommunikation über Wissenschaft speist sich aus Veränderungen, die das Hochschulbildungssystem in den letzten Jahren erfahren hat und die in einer stärkeren Betonung von überfachlichen Kompetenzen und mithin einem veränderten Verständnis von Lehrhandeln als Moderation und Ermöglichung individueller Lernprozesse anstelle der Vermittlung fester Wissensbestände resultieren.

Damit gehen zugleich hohe Transformationsanforderungen an die organisatorische sowie die didaktische Gestaltung von Hochschulbildung auf allen Ebenen einher. Auf allen Ebenen der Gestaltung von akademischer Lehre, also der organisationalen Ebene zur Schaffung von Rahmenbedingungen, der curricularen Ebene zur Gestaltung von konkreten Studien- und Lehrangeboten sowie der Ebene individuellen didaktischen Handelns von Lehrenden geht es dabei zunehmend um die Nutzung von Spielräumen, die eine möglichst große Offenheit und Flexibilität für individuelle Lernbedarfe zu realisieren erlauben (Teilzeitstudienregelungen, Studienformate jenseits grundständiger Studiengänge, internationale Mobilität, prüfungsrechtliche Fragestellungen, Nachteilsausgleiche etc.).

Das Wissenschaftssystem steht entsprechend vor der doppelten Herausforderung, zum einen Studierenden ein Studienangebot zu machen, welches ihren heterogener werdenden und berufsfeldbezogenen Qualifizierungszielen entspricht und dabei gleichzeitig die akademische Lehre insgesamt so zu organisieren, dass sie gesellschaftliche aber auch wissenschaftsinterne Qualifikationserwartungen an zukünftige Ab­solvent/innen erfüllt. Akademische Lehre muss Kompetenzen vermitteln, die die akademische Selbstreproduktion sicherstellen, zugleich über diese aber hinausgehen, beispielsweise im Sinne von „Service Learning“, „Community Outreach“, aber auch anderen, eher generischen Kompetenzen, wie Kommunikati­onsgeschick. Diese Funktionen akademischer Lehre werden mutmaßlich künftig noch an Bedeutung gewinnen und entsprechend zu Gestaltungsaufgaben sui generis werden (Jäger et al. 2009; Reinders 2010).

Im Sinne veränderter Anforderungen an die akademische Lehre stellen sich daher Gestaltungsfragen auf den angesprochenen Ebenen, deren Beantwortung eine systematische Forschung erfordert:

  • Wie kann das Hochschulbildungssystem die Digitalisierung als Organisationsaufgabe angehen und für hochschulentwicklungspolitische Ziele, wie die soziale Öffnung von akademischer Bildung auf eine Weise nutzbar machen, die potenzielle Risiken mindert?
  • Welche Rahmenbedingungen sind für die Erreichung dieser Ziele am hilfreichsten?
  • Welche Anreizstrukturen sind geeignet, um Lehrende für neue Qualitätsverständnisse und Professionalisierungsstrategien im Bereich der akademischen Lehre zu gewinnen?
  • Wie können Lehrende am effektivsten bei der Anpassung von Lehrangeboten an neue gesellschaftliche (und wissenschaftsinterne) Qualifikationserwartungen unterstützt werden?
  • Wie kann die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft über sich verändernde Erwartungen an die akademische Bildung am besten realisiert werden?