Themenkorridor 5

Digital entgrenzte Wissenschaftskommunikation

Wissenschaftskommunikation richtet sich, anders als die wissenschaftliche Kommunikation, an die Umwelt. Sie übersetzt Forschungswissen zum einen in Verständlichkeit für Nichtwissenschaftler/innen, zum an­deren in Anwendungskontexte. Diese Kommunikation soll Grenzen überbrücken, ohne diese aufzuheben.

Grundsätzlich gilt: Welche Ex­pertise zu welchem Zweck genutzt wird, bestimmen in jedem Falle die Adressaten und Nach­fra­ger, nicht die An­bieter der Expertise (Ronge 1996: 137f.). Um die Chance auf Expertise-Nutzung zu wahren, müssen die Expertinnen und Experten also solche Kommunikationsangebote unterbreiten, an die eine Praxis anschließen kann. Dazu sind Übersetzungsleistungen nötig, denn die Praxis kom­muniziert nicht wissenschaft­lich, sondern praktisch. Übersetzungen jeglicher Art wiederum sind nie verlustfrei zu haben. Allerdings liegt die alternative Option zum Transfer mit Übersetzungsverlusten nicht im Transfer ohne Übersetzungsverluste. Vielmehr bestünde sie in einem Nichttransfer des Wissens, das zwar vor der „Verunreinigung“ durch Praxiserfordernisse gerettet wurde, aber damit dann auch nichts mehr zur Entwicklung der Praxis beitragen kann.

Insgesamt hat die Forschung drei Adressaten: die Wissenschaft, die Akteure in Praxisfeldern und die allgemeine Öffentlichkeit. Diese benötigen unterschiedliche Wissensarten: empirisches Wissen (was passiert?), Erklärungswissen (warum passiert es?), Handlungswissen (was kann getan werden?) und Beratungswissen (wie kann es getan werden?). Wissenschaftliche Adressaten lassen sich über wahr­­heitsfähige Aussagen interessieren. Akteure der Praxis erwarten anwendungsrelevante Informationen, transfer­fähige Kon­zepte, Handlungs- und Beratungswissen. Die allgemeine Öffentlichkeit muss mit einem Wissen angesprochen werden, das zu Botschaften verdichtet und zugespitzt ist. Die digitale Medienöffentlichkeit verschärft die Anforderungen und steht in Spannung zur Langsamkeit bisheriger Wis­senschaftskommu­ni­ka­ti­on. Die disruptiven Auswirkungen der Digitalisierung auf das Wissenschaftssystem und die Außenkommunikation der Wissenschaft sind bisher nur in Ansätzen zum Gegenstand von Forschung gemacht worden. Diese Lücke soll mit dem Kolleg geschlossen werden.

Zu untersuchen sind vor diesem Hintergrund die Mechanismen (a) der Übersetzbarkeit wissenschaftlichen Wissens in Handlungs- und Beratungswissen (alltagsnahe Sprache, Anpassung der Kom­plexitätsniveaus an die gegebenen Resonanzfähigkeiten der Praktiker), (b) der Überbrückung der zeitlichen Entkopplung zwischen Wissen und Wissensbedarfen, (c) der Entwicklung niedrig­schwelliger Kommunikationsformate. Grundsätzlich sind dabei (d) die digitalen Potentiale in ihren Auswirkungen genauer zu analysieren und Sze­narien für deren Nutzung zu entwickeln.