Themenkorridor 6

Wissenschaftliche Beratung als Wissenschaftskommunikation

Die Basis wissenschaftlicher Beratung ist entweder transferfähiges Wissen aus der Grundlagenforschung oder direkt auf Transfer hin erzeugtes Wissen aus anwendungsorientierter Forschung. Die gesellschaftliche Wahrnehmung von Beratung hat in den vergangenen Jahrzehnten eine beachtliche Transformation erfahren: Galt ihre Inanspruchnahme lange Zeit als Zeichen mangelnder Souveränität, von Führungsschwä­che und gar fehlender Kenntnis, so erscheint die ratsuchende „Selbstklientilisierung“ (Duttweiler 2004: 23) zunehmend als soziale Schlüs­selkompetenz.

Beratung ist das „Erarbeiten und Bewerten von Optionen“ (Patzwalt/Buch­­­­holz 2006: 460). Berater sol­len kom­pe­­tent Entwicklun­gen einordnen und Pro­blemlösungs­optionen formulieren. Dabei wird vor al­lem auf ihre Kenntnis langfristiger Trends, ver­gleichbarer Fäl­­le, relevanter Kon­tex­te, prognostischer Wahr­schein­lichkei­ten, typischer Feh­­ler und Dilem­mata, allfälliger Zielkonflikte, nicht­­intendierter Hand­lungsfolgen und alternativer Op­tionen gesetzt. Im Ergebnis, so Weingart/Lentzsch (2008: 23), soll Beratung zur Ver­än­de­rung kognitiver Schemata auf Sei­­ten der Beratenen führen. Das verbessere de­ren Fähigkeit zur Pro­blemlösung.

Wenn Beratung beim Beratenen die Fähigkeit zur Problemlösung verbessern soll (Weingart/Lentsch 2008: 23), so heißt dies auch: Sie soll ihm nicht die Problemlösung abnehmen. Dies kann, muss aber nicht mit dem eindeutigen Favorisieren bestimmter Op­ti­onen verbunden sein: Politikberatung kann auf Orientierung zielen, indem das Spektrum der möglichen Handlungsalternativen möglichst umfassend aufgezeigt wird, oder sie kann eine strategische Funktion haben, indem Komplexität und die Anzahl der Handlungsoptionen reduziert werden (ebd.: 31; siehe auch Pielke 2007). Es geht darum, Akzeptanz dafür zu schaffen, dass sich mit den Methoden der Wissenschaft geläufige Unterscheidungen aufbrechen sowie handlungsleitendes Orientierungs- und Bewertungswissen erzeugen lassen. Die Funk­tionslogik des Feldes, in dem die Beratenen verankert sind, ist dadurch aber nicht außer Kraft gesetzt.

Daraus folgen häufig Befürchtungen seitens der Forscher: Befürchtet wird entweder eine unzuträgliche Verstrickung der Wissenschaft in forschungsfremde Verzweckung oder aber weit­­gehende Einflusslosigkeit bei Aufrechterhaltung der wissenschaftlichen Standards. Hier steht latent die Frage im Raum, ob tatsächlich praktischer Einfluss nur um den Preis der opportunistischen Verstrickung zu haben ist bzw. wissenschaftliche Seriosität allein unter Inkaufnahme der Einflusslosigkeit.

Werden umgekehrt Einflüsse direkte oder indirekte, ob begründet oder nicht vermutet, kann die Wissenschaft an Glaubwürdigkeit verlieren. Sei es bei der sicheren Nutzung von Kernenergie oder zuletzt in währungsökonomischen Fragen: Auf dem Terrain kollidierender gesellschaftlicher Interessen und wissenschaftlich umstrittener Geltungsansprüche spaltet sich die Exper­tengemeinschaft immer häufiger und in immer deutlicher wahrnehmbaren Formen entlang derselben Konfliktlinien auf, die auch den politischen Diskurs bestimmen. Das Ziel, instrumentell taugliche und legitimato­risch wirksame wissenschaftliche Aussagen zu erlangen, wird da­durch zunehmend konterkariert. Kompensatorische Versuche vonseiten der Politik, durch Schaffung von Zentralgremien verlässlichen wissenschaftlichen Konsens zu aktuellen Fragen zu organisieren oder wenigstens zu simulieren, erweisen sich teils als erfolglos, teils als anfällig für Glaubwürdigkeits­krisen (Weingart 2001).

Angesichts der gesellschaftlichen Erwartungen an die Wissenschaft ist der Beratung als spezifischer Form der Wissenschaftskommunikation aber nicht auszuweichen. Wie sie zugleich wissenschafts- und praxisverträglich zu gestalten ist, kann Thema von Qualifizierungsarbeiten sein.

Letzte Änderung: 04.07.2019 - Ansprechpartner: fokuslehre@ovgu.de